Besprechung: Evelyn v. Bonin, in " Rabenpflug " 27 / 05
Die Runen sind So der Gedichtband-Titel, dessen hell beigegrauer Umschlag ein archaisch anmutendes Paar/Skulptur ziert. Der Autor Udovon Massenbach weist den Leser zu Beginn gleich den Weg.: "Ich bin Lyriker. / Ich schreibe Melodien für die Zeit. // Meine Lieder sind / atonale Worte, / Schönberg im Vers." Die Gedichte sind schlicht, fast karg, fragmentarisch: wie 'Schönberg im Vers'? Brauchen wir vollkommene oder eher fragmentarische Gedichte? Je nach dem. "Wozu wirst du, Mond, schon wieder bestimmt. / ...Du beschreibst unsere Kunst / mit gewebtem Mondlicht." Hat der Autor Gegenwärtiges zu sagen, oder soll man nicht auch was herausschreien? Es geht auch- "Dezent. Anständig soll es sein. / ...Anständig? / Ich kehre zurück zu den Alten. / Dezent ist anständig, / aber welch ein Anstand."
Ein Dichter strebt nach Vollkommenheit : gibt es sie nicht auch im Fragmentarischen? "Ist die Macht des Dichters, / aus Wahrheit und Lüge / ein Drittes zu bilden, / aus dem neuen Dasein / ein So-Sein mit verdeckter Lüge / zur Verzauberung des Hörers zu führen?" An einem Gedicht kann oder sollte man sich abarbeiten, man muß kein opulentes Werk vorlegen: Eine Handvoll Gedichte pro Jahr, gehauen in Stein: "Die Runen sind. / Sie leben in uns. / Wir tragen ihre Namen. / Und wissen es nicht."
Vielbeachtete Neuerscheinung: ‚Die Runen sind’
„Der wahre Zweck eines Buches ist es, den Geist hinterrücks zum eigenen Denken zu verleiten.“
Man wird kaum ein passenderes Zitat für die Gedichte in ‚Die Runen sind’ von Udo v. Massenbach finden können. Sie spielen mit Sprache, Inhalten und Bedeutung. Nicht (nur) die Lust am Wohlklang der Bedeutungsträger, sondern die Lust am Spiel mit der Bedeutungswandlung machen den poetischen Reiz der Texte aus. Das Wort nimmt das Wort beim Wort: Wortgeschichte, Sinngeschichte, kultureller Assoziationenreichtum vornehmlich aus den beiden großen Quellen europäischer Geistestradition: antike Mythologie und Christentum, verweisend auf Zen-Buddhismus. Der Titel ist Programmatik. Er provoziert mit Auslassung. Wer so in die Tiefe geht, spielt mit den Verstehensvoraussetzungen. Mit dem Tradierten, mit den Grenzen des Denkens und des Seins. Die Gedichte verzichten auf die Bedienung tradierter Verstehensmuster. „Schönberg im Vers“ als Motto. Die Reduktion auf den Begriff geschieht. Dazu die Geste des Überschreitens: Denk- und Begriffs-Normative verlassend. Das macht ein schillerndes Spiel mit Sprache möglich.
‚Die Runen sind’ ist die Seele des Udo von Massenbach. Die vielseitigen Gedichte nehmen seine verborgenen Tiefen auf und bringen sie an den Tag. Die Vielschichtigkeit des Autors fließt in den Text, eine fließende Form abseits bekannter Reimmuster. Besinnlichkeit, Besinnung, Nachdenklichkeit werden erzeugt. Udo von Massenbach schreibt sich von der Seele, und entledigt sich jener, legt sie damit aber vor. Das Gedicht ‚Sister Morphine’ taucht in die Erfahrung des absoluten Nicht-mehr-Daseins, aber noch mit schlagendem Herzen. Die aufgenommenen Archetypen ‚Runen’ sollen die bekannte Vergangenheit, gemeinhin die dunkle, als bestehende Gegenwart bewusst werden lassen, jenseits politischer Strickmuster. Das Lied, die Lyrik, versucht den Schauder zu nehmen, der mit dem Begriff ‚Rune’ transportiert wird. Der Autor ist fern politischer Einvernahme. Immer wieder Frauennamen. Ana Bela, Andrea, Carmen, Yasmin. Ana Bela, die portugiesische Jüdin, eigentlich zu Deutsch ‚Mandelbaum’ heißend, wird verständlich durch seine Leidenschaft mit jüdischen Frauen und seiner Anziehung zu ihnen. Yasmin – die Neigung zu asiatischer Tiefe, der Mond – als Kumpel. Was machen die mit uns? Das stille Bündnis Verstehender. Und auch immer wieder die Suche, das Infragestellen von Tradiertem, fragend und öffnend. Nicht zuletzt sind es seine direkt und indirekt enthaltenen Emotionen wie Trost, Geborgenheit und Sensibilität, die den Leser in die Gedichte hineinziehen.
Die in Runenschrift gespiegelten Zeilen sowie die Grafiken im Buch unterstreichen den Anspruch an das Spiel mit den Verstehensvoraussetzungen und die Suche nach dem Besonderen.